Kurt Tucholsky war einer der herausragenden Köpfe der Weimarer Republik. Zahlreiche Artikel veröffentlichte er, darunter politisches, aber auch z.B. eine wunderbar skurrile Abhandlung über die „soziologische Psychologie der Löcher“.

Zur Rhetorik verfasste Tucholsky zwei Abhandlungen. Eine sehr, sehr kurze mit Ratschlägen an einen guten Redner. Und eine sehr, sehr lange mit Ratschlägen für einen schlechten Redner. Was nicht heißen, dass es komplizierter ist ein schlechter Redner zu sein als ein guter…

Ratschläge an einen guten Redner

Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze.
Klare Disposition im Kopf ‐ möglichst wenig auf dem Papier.
Tatsachen, oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben
die Leute zu Hause.
Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie länger als vierzig Minuten.
Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine
unbarmherzige Sache ‐ das steht der Mensch nackter als im Sonnenbad.
Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.

Kurt Tucholsky

Ratschläge an einen schlechten Redner

Fang nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen ‚vor‘ dem Anfang! Etwa so: „Meine Damen
und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen
kurz…“
Hier hast du schon ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht: eine steife Anrede; der
Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, dass und was du zu sprechen beabsichtigst, und das
Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und Ohren der Zuhörer. Denn das hat der Zuhörer
gern: dass er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; dass du mit dem drohst, was
du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast. Immer schön umständlich.
Sprich nicht frei ‐ das macht einen so unruhigen Eindruck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab.
Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel
Satz misstrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind.
Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät, und du willst durchaus und durchum
frei sprechen … du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel an unsern
professionellen Rednern, an den Reichstagsabgeordneten ‐ hast du die schon mal frei sprechen
hören? Die schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie „Hört! Hört“ rufen … ja, also wenn du
denn frei sprechen must: Sprich, wie du schreibst. Und ich weiss, wie du schreibst. Sprich mit
langen, langen Sätzen ‐ solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so
sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weisst, wie das Ende ist, die
Nebensätze schön ineinander geschachtelt, so dass der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und
her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das
Ende solcher Periode wartet … nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben.
So musst du sprechen. Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst,
die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch ‐ das tun alle Brillenmenschen.
Ich habe einmal an der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören, der sprach glatt
und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich in aller Kürze die
Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt…“ Er
blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten. So musst du das auch machen. Du hast ganz
recht: man versteht es ja sonst nicht, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen
Hintergründe … sehr richtig! Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges
Leben zu hören, sondern das, was sie auch in Büchern nachschlagen können … sehr richtig! Immer
gib ihm Historie, immer gib ihm. Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum
laufen, auch zurückkommen ‐ das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um die Wirkung, um die
Leute, um die Luft im Saale; immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen. Du musst alles in
Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch.“ Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, dass mir die Steuern bei weitem…“ So heisst das.
Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor ‐ man sieht das gern. Wenn du einen Witz machst,
lach vorher, damit man weiss, wo die Pointe ist. Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein
Monolog. Weil doch nur einer spricht. Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rednerei
noch nicht zu wissen, dass eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine
stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das musst du hören. Nein, das brauchst du
nicht zu hören.
Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur. Zu dem, was ich soeben über die Technik der
Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, dass viel Statistik eine Rede immer sehr hebt.
Das beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten,
so macht das viel Spass.
Kündige den Schluss deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen
Schlaganfall bekommen. Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeitstoaste so
angefangen: „Ich komme zum Schluss.“ Kündige den Schluss an, und dann beginne deine Rede von
vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen. Du musst dir
nicht nur eine Disposition machen, du musst sie den Leuten auch vortragen ‐ das würzt die Rede.
Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es sich gar nicht erst anzufangen. Wenn einer
spricht, müssen die andern zuhören ‐ das ist deine Gelegenheit! Missbrauche sie.

Kurt Tucholsky
Tags

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu.