Hörst und liest Du auch immer wieder diese Aufforderungen „Sei ganz Du selbst“ oder „Du musst einfach nur Du selbst sein, dann klappt das mit dem Auftritt, dem Vortrag, etc.“ Ich höre aber auch oft in Trainings und Coachings Bedenken wie „Also, wenn ich das jetzt alles umsetze, was Du uns da gerade beibringst, und dann plötzlich eine viel souveränere Körpersprache habe und eine ausdrucksstarke Stimme und viel überzeugender auftrete… Dann ist das ja gar nicht mehr authentisch. Das bin dann ja nicht mehr ich selbst, oder?“

Manche stellen sich diese Frage, ob sie noch authentisch sind, schon, wenn es nur darum geht z.B. mit weniger Dialekt zu sprechen, oder eine offenere Körperhaltung einzunehmen.

Spannend, was für eine Definition man von „sich selbst“ haben kann. Aber ich verstehe das Dilemma total! Unsere Leistungsgesellschaft erwartet von Dir Dich in allen Bereichen Deines Lebens zu optimieren. Mit Smart Watches mindestens 10000 Schritte am Tag machen und erholsam schlafen und dann sich 5 Minuten Quality Time nehmen für Yoga um Dich effizient zu erholen. Ständig wollen wir uns in allem verbessern. Aber dabei immer schön wir selbst bleiben.

Selbstbild vs. Fremdbild

Aber wer bist Du denn eigentlich? Als jemand, der viel zu viele Semester Philosophie studiert hat, kann ich Dir sagen: So einfach ist das mit dem sich selbst kennen gar nicht. Also diese Idee, dass wir ja exklusiven Zugang zu uns selbst haben und daher jeder von uns sich selbst so viel besser kennt als alle anderen Dich kennen, das ist durchaus hinterfragbar.

Es gibt auch Seminare zum Thema „Fremdbild – Selbstbild“ in denen den Teilnehmenden zum ersten Mal so richtig bewusst gemacht wird, wie groß der Unterschied zwischen diesen beiden Bildern sein kann. Sprechen wir aber mal darüber, was „du selbst sein“ oder „authentisch sein“ definitiv nicht ist. Oder zumindest nicht sein sollte:

Erstens sollte es keine Ausrede sein Dich weiterzuentwickeln. Weiterbildung, egal ob in Rhetorik und Kommunikation oder in einem ganz anderen Bereich, Sport, olympisches Wettstricken, was auch immer, soll Dir als so genannte Persönlichkeitsentwicklung dabei helfen noch viel mehr Du selbst sein zu können statt Dich von Deinem „wahren Selbst“ abzubringen. Und das auch nach außen zu zeigen. Wie Du wirklich bist.

Ich habe es am eigenen Leib erlebt und auch von vielen Bühnenmenschen bestätigt bekommen, die da weiter sind als ich und die mir sagten: Du musst hart an Dir arbeiten um auf der Bühne irgendwann wirklich voll und ganz Du sein zu können. Das ist nichts, was einem zufliegt. Die wenigsten sind Naturtalente, viele müssen sich dieses ganz sie selbst sein auf der Bühne und überhaupt vor anderen Menschen, also sich unbefangen in der Öffentlichkeit so zu geben, wie man ist, hart erarbeiten. So paradox das auch klingen mag.

Wann ist man eigentlich authentisch?

Aber auch da gilt: Wir Menschen sind nicht irgendwann „fertig“ und so passen wir dann für alle Zeiten. Ne, so funktioniert das nicht. Ohne stetige Weiterentwicklung und auch die Anpassung an neue Lebensumstände bist Du irgendwann nur noch eine veraltete Version Deiner Selbst. So wie eine Software irgendwann nicht mehr up to date ist und die neuesten Apps nicht mehr darauf laufen.

Zweitens nutzen erstaunlich viele Menschen den Begriff „authentisch“ dafür sich unmöglich zu benehmen. „So bin ich halt, aufbrausend. Verletzend. Oder vulgär. Eben ganz authentisch.“ Ja, danke! „ich will mich nicht verstellen“ heißt auch nur „ich sehe es nicht ein, mich auf andere Menschen einzulassen und kommunikativ ein bisschen auf sie zuzugehen“. Merke: „Authentisch“ ist oft ein Euphemismus. Für weitaus weniger schmeichelhafte Charaktereigenschaften.

Die ganze Welt ist eine Bühne…

Des Weiteren musst Du weder vor anderen noch vor Dir selbst ein in allen Situationen konstantes Bild von Dir aufrecht erhalten. So gibt es in der Soziologie das sogenannte Rollenmodell. Dass wir alle wie im Theater Rollen spielen. Shakespeare sagte schon: „Die ganze Welt ist eine Bühne.“ Wir alle spielen kulturelle, soziale und situative Rollen. Die jeweils ganz andere soziale Erwartungen Deines Umfeldes mit sich bringen.

Und wenn Du innerhalb der Gesellschaft erfolgreich sein willst, musst Du alle Deine Rollen gut spielen können. Und die Schnittmenge all dieser sozialer Rollen, das bist Du. (An alle Soziologen da draußen: Sorry, ist bestimmt furchtbar vereinfacht dargestellt. Aber tiefer will ich da an der Stelle gar nicht eintauchen.)

Wichtig ist mir an der Stelle nur: Jeder von uns hat ganz viele verschiedene Rollen. Ich bin zum Beispiel Vater, Kabarettist, Rhetoriktrainer. Drei Rollen mit jeweils anderen Anforderungen an mich. Ich kann auch jederzeit durch blanken Zufall zu einer neuen Rolle kommen, zum Beispiel als Zeuge eines Verkehrsunfalls. Das sucht man sich ja nicht aus. Da rutscht man rein. Manche Menschen werden Opfer eines Gewaltverbrechens und das macht sehr viel mit deren Identität.

Widersprüche gehören dazu

Und es gibt auch Rollen, die vielleicht gar nicht so zusammenpassen. Die sehr widersprüchlich sind. Ich bin zum Beispiel leidenschaftlicher Läufer mit einem Laufpensum um die 50 km die Woche. Andererseits rauche ich auch sehr gerne Pfeife und Zigarillos. Passt irgendwie nicht so wirklich zusammen, oder? Ebenso lese ich gerne Lyrik. Durs Grünbein, Jan Wagner, Nora Gomringer. Und andererseits schaue ich American Wrestling. Auch das ist soweit auseinander, dass man sich ja nach der herkömmlichen Theorie einer immer gleichen Persönlichkeit schon fragen müsste, ob ich nicht ein kleines bisschen schizophren bin. Aber ich und die Stimmen in meinem Kopf glauben: Nein!

So sind wir Menschen halt. Vielschichtig, und je nach Situation wieder ganz anders. Und das darf, nein, das muss sich auch in Deiner Kommunikation niederschlagen. Es ist keine Verleugnung Deiner Wurzeln, wenn Du zu den Geschäftspartnern von weit her absichtlich hochdeutsch sprichst statt Dialekt. Wie wichtig ist es denn in diesem Augenblick gegenüber diesen Menschen jetzt klar zu machen, dass Du aus Niederbayern kummst? Oder halld aus Franggn wie iech, allmächd, na.

Anpassung ist kein Verbiegen

Sich kommunikativ auf den/die Gesprächspartner:in einzustellen, ist ein Zeichen des Respekts und auch einfach clever. Weil DU möchtest doch verstanden werden. Dann mach es den anderen leicht Dich zu verstehen. Als Expert:in auf Deinem Gebiet wirst Du mit anderen Fachleuten eine ganz andere Sprache sprechen, eine Art „Insidersprache“ als wenn Du mit Laien über Dein Thema sprichst. Und wenn Du mit Kumpels abends Fußball schaust oder irgendwas anderes, wirst Du wieder anders kommunizieren. Und das ist völlig okay so. Trotzdem kannst und sollst Du dabei authentisch sein. Klingt ziemlich kompliziert, aber glücklicherweise, wenn wir über Rhetorik reden, interessiert uns ja eher die Wirkung auf andere.

Also stellen wir mal die Frage: Wie kannst Du authentisch wirken? Was nicht zwingend voraussetzt es auch wirklich zu sein. Weil wie schon gesagt ist das gar nicht so einfach genau zu wissen, wann Du absolut Du selbst bist. Wann nehmen andere Dich als authentisch wahr? Und was kannst Du dazu beitragen? Das ist tatsächlich deutlich einfacher zu beantworten. Dazu hier drei Tipps.

Erwartungserwartungen

Wir sprachen schon über Selbstbild versus Fremdbild. Logischerweise empfinden andere Dich als authentisch, wenn Du dem Bild entsprichst, das sie von Dir haben. Der Soziologe Niklas Luhmann, Begründer der Systemtheorie, nannte das „Erwartungserwartungen“. D.h. die Menschen, die mit Dir zu tun haben, haben gewisse Erwartungen wie Du Dich verhältst. Und Du ja auch bezüglich denen. Und vermutlich hast Du auch eine Vermutung davon, was andere von Dir erwarten. Also erwartest Du, dass dieses oder jenes von Dir erwartet wird. Das ist dann eine Erwartungserwartung.

So haben viele Menschen leider immer noch die Erwartungserwartung, dass sie schlank sein und irgendeinem Schönheitsideal entsprechen müssen, um privat wie beruflich voranzukommen. Und teilweise stimmt das leider auch noch, aber zum Glück bessert sich das doch so nach und nach… Auch Vorgesetzte haben meist eine falsche Erwartungserwartung davon, was Ihre Untergebenen von ihnen erwarten. Und denken sie müssten perfekt und fehlerfrei sein. Oder zumindest so wirken. Und geben deshalb nie Fehler zu. Oder glauben so tun zu müssen als wüssten sie alles. Dabei wirkt gerade das dann nicht authentisch.

Realistisch bleiben

Wenn Du authentisch wirken willst, nutze eine realistische Erwartungserwartung. Versetze Dich in die anderen hinein, was die wohl von Dir erwarten. Und soweit Du es möchtest und es für Dich okay ist, kannst Du diesem Bild ja entsprechen. So erwarten immer noch viele Menschen von Angestellten einer Bank Anzug und Krawatte oder eben entsprechend für Frauen Hosenanzug und Bluse. Wenn Du da arbeiten willst, zieht das Argument „am wohlsten fühl ich mich aber in nem Slayer-Shirt und zerrissenen Jeans und überhaupt ist barfußlaufen einfach viel gesünder“ einfach nicht. Du würdest es Dir selbst damit unnötig schwer machen Deine Kund:innen beraten zu können. Weil Dein total authentisches Outfit halt deren Erwartungen komplett zuwider läuft. Und das ist ja vorhersehbar. Also ich persönlich trage auch ungern einen schwarzen Anzug. Aber hey, wenn ich auf einer Beerdigung spreche… zieh ich den halt an.

Kongruenz in verbaler und nonverbaler Kommunikation

Achte auf Deine nonverbale Kommunikation! Und dass diese zu Deinen Worten passt. Also neben anderen Faktoren, wie z.B. Kleidung, reden wir vor allem von Mimik, Gestik und Stimme. Authentisch wirkst Du dann, wenn Deine nonverbalen Signale zu Deinen Worten passen. Hast Du das schon mal erlebt? Dass in irgendwelchen FastFood-Ketten oder ähnlichen Läden die Mitarbeitenden anscheinend darauf geschult werden unfassbar freundlich zu sein? Und Dich total euphorisch zu begrüßen? Man ist davon wieder ein gutes Stück weit abgekommen. Weil es nicht funktioniert hat.

Weil ein „Herzlich Willkommen bei Punkt Punkt Punkt! Ich freue mich Sie bedienen zu dürfen. Was kann ich denn für Sie tun?“ nicht glaubhaft rüberkommt, wenn es am Ende einer 8-Stunden-Schicht mit herunterhängenden Schultern und Mundwinkeln auswendig gelernt runtergeleiert wird und auch so klingt als würde man es auswendig gelernt runterleiern.

Sag nichts, was Du nicht auch fühlst

Erzähle niemals, dass Du Dich freust, Leute begrüßen zu dürfen, wenn Du dabei nicht lächelst und wirkliche Freude ausstrahlst. Der Extremfall soll schon in Verhören durch das FBI vorgekommen sein. Dass Verdächtige auf die Frage, ob Sie denn der Täter seien, zwar nein sagten. Aber dabei genickt haben. Also nonverbal durch das Kopfnicken als Geste für Ja genau das Gegenteil von dem zum Ausdruck gebracht haben, was sie gesagt haben. Dumm gelaufen.

Und dann ist da noch die Anekdote eines bekannten Trainerkollegen. Der sich einen noch viel bekannteren Trainerkollegen aus den USA zum Vorbild nahm. Problem dabei: Die beiden waren vom Äußeren her enorm unterschiedlich. Wenn Du mit 1 Meter 70 und der Figur eines Strohhalms die Haltung und die Gesten eines 2 Meter Kolosses mit 120 Kilo Kampfgewicht imitierst, wirkst Du nicht authentisch. Wenn Du 58 Kilo wiegst und eine Glatze hast, und dann Deine Augenbraue hochziehst, siehst Du noch lange nicht aus wie Dwayne „The Rock“ Johnson. Finde also auch Gesten und eine Körperhaltung, die zu Dir passt. Dabei hilft wieder das Fremdbild, also das Feedback anderer. Es muss beides zusammenpassen. Du musst Dich damit wohlfühlen. Und andere müssen Dich damit als authentisch wahrnehmen. Nur wenn beides zusammen kommt, ist der Gesamteindruck wirklich authentisch.

Bleib bei der Wahrheit!

Die üblichen Notlügen sind völlig okay, aber mehr auch nicht.. Denn Lügen sind nicht nur moralisch fragwürdig. Sie sind auf Dauer auch verdammt anstrengend! Du musst Dir ja irgendwie merken, wem Du jetzt genau was erzählt hast um Dich nicht in Widersprüche zu verstricken. Lügen haben kurze Beine, heißt es so schön. Und wenn du mal als Lügner:in entlarvt worden bist, ist Deine Glaubwürdigkeit UND Deine authentische Wirkung auf die Menschen um Dich herum weg.

Während des ersten Lockdown wegen Corona sind ein paar Männer aufgeflogen, die ein Doppelleben geführt haben. Also an zwei Orten, zwischen denen sie gependelt sind, jeweils eine Frau und auch Kinder hatten. Und das hat mich total geschockt. Weil ich bin manchmal mit einer Familie schon total ausgelastet und fühl mich manchmal auch überlastet. Wie geht das bitte bei zwei? Die zudem nichts voneinander wissen dürfen? Wäre mir wirklich viel zu anstrengend. Mach es Dir selbst also nicht unnötig schwer…

Steh zu Dir

Und: Rede auch nicht anderen immer nach dem Mund. Steh zu Deiner Meinung. Denn selbst wenn Deine Lüge nicht auffliegt, so eine Lüge in dem Sinne, dass Du um zum Beispiel Dich beim Chef einzuschleimen, Du ihm oder ihr einfach zustimmst oder den „ganz tollen Vorschlag“ in höchsten Tönen lobst, obwohl alle wissen, dass der furchtbar ist, tust Du Dir damit auf Dauer keinen Gefallen. Dann bist Du bald der „Mitläufer“, der oder die zu allem Ja und Amen sagt. Auch nicht erstrebenswert. Und nicht authentisch. Egal wie stark Dein Harmoniebedürfnis sein mag.

Andererseits: Kann es ja gerade authentisch sein, dass Dir Harmonie so wichtig ist, dass Du dafür auch riskierst als nicht authentisch wahrgenommen zu werden. Du siehst: Wir haben uns ein bisschen im Kreis gedreht. Weil Authentizität und man selbst sein gar nicht so einfach sind.

Hi. Mein Name ist Oliver Walter. Ich bin Rhetoriktrainer & Coach. Hier blogge ich über mein Lieblingsthema: Rhetorik & Kommunikation. Wenn ich Dir mit meiner Fachmeinung oder meinem Knowhow weiterhelfen kann, lass es mich gerne wissen. 

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