Bereits 1906 hatte Vilfredo Pareto herausgefunden, dass 20% der italienischen Bevölkerung 80% des Bodens, also der Grundstücke, Felder, usw. besaßen. Daraus hat sich dann auch im Projekt-und Zeitmanagement das Paretoprinzip entwickelt. Auch bekannt als 80-20-Regel. Diese besagt, dass Du mit 20% des Aufwands 80% des Ertrags erreichen kannst. Also ausgehend davon, dass 100% Aufwand auch 100% Ergebnis bringen. Und 0% Aufwand vermutlich annähernd 0% Ergebnis.

Bedeutet letztlich: Die letzten 20% des Ergebnisses sind die, die am meisten Aufwand erfordern. Perfektion ist schwer zu erreichen. Und genau genommen ist es ja auch fraglich, ob sie überhaupt immer erstrebenswert ist? Jeder will Erfolg. So wie jede Partei soziale Gerechtigkeit will. Von der FDP bis zu den Linken. Die verstehen nur alle was anders drunter. Und wenn Du jetzt einfach nur Erfolg willst, ohne für Dich zu definieren, was das eigentlich ist, dann jagst Du irgend einem Phantom hinterher. Und wirst niemals wissen, wann Du am Ziel bist. Und da kommt das Pareto-Prinzip ins Spiel. Weil Du Dir vorab überlegen solltest, ob Du der 100%-Typ bist oder mit Pareto nicht besser fährst. Ein 100%-Typ verschreibt sich nur einer Sache. Und gibt dort alles. Jeder andere Bereich des Lebens wird dem untergeordnet. Leistungssportler leben so. Künstler oftmals auch. Und das ist einerseits sehr bewundernswert. Es birgt aber auch große Risiken. Zum einen, dass man eben doch irgendwann wieder da steht und sich fragt, was man alles verpasst hat. Und zum anderen: Was ist, wenn man aus irgendwelchen Gründen scheitert? Man hat, entgegen dem, was einem oft erzählt wird von irgendwelchen Tschaka-Leuten, sehr wenig ganz allein in der Hand. Ein Leistungssportler kann sich verletzen. Oder hat einen Unfall. Zack, Karriere vorbei. Deine Firma macht pleite, obwohl du hervorragende Arbeit geleistet hast. Dein Partner trennt sich, obwohl Du alles für ihn oder sie aufgegeben hast. Es ist nie gesund nur eine Sache zu 100% zu machen. Dafür gibt es viel zu viele interessante Alternativen im Leben. So viel spannendes, das es zu entdecken gilt. Und mit dem Pareto-Prinzip klappt das. Weil man statt eine Sache zu 100% zu machen, fünf Sachen jeweils ganz gut machen kann.

Und das gilt natürlich, und da sind wir endlich bei unserem eigentlichen Thema, bei der Rhetorik.

Natürlich kannst Du Deine Rede in der Vorbereitung immer noch weiter perfektionieren. Hier noch ein rhetorisches Stilmittel einbauen. Da noch eine genau getimte Geste. Und nach drei Stunden Recherche weißt Du auch genug über hypnotische Sprachmuster um davon noch eines für den Schluss zu verwenden. Und dann erst die PowerPointpräsentation! 4 Stunden allein am Master gearbeitet, damit wirklich alles tiptop aussieht. Die Rede vor Beginn noch drei mal laut vor Dich hingesprochen? Die ganzen 40 Minuten? Dann bist Du vielleicht schon sehr nah an den 100 Prozent dran. Oder gerade deshalb ncht mal in der Nähe der 80. Weil zu viel Vorbereitung, zu viel Einstudieren, zu viel Planung das besondere und einmalige Deiner Rede killen kann. Weil die perfekt einstudierte Geste dann halt auch genau so wirkt. Wie einstudiert. Weil der perfekt auswendig gelernte Text auch so klingt. Auswendig gelernt. Es scheint Dir vielleicht erstmal unlogisch, aber ein Vortrag oder eine Präsentation können auch von der technischen Seite her zu gut sein. Das wirkt dann je nach Situatuion so als kämst Du im Nadelstreifenanzug mit Seidenkrawatte und Einstecktuch zu einem Vorstellungsgespräch für eine Stelle als… Klempner. Overperforming is bad performing. Manchmal wirkt die tatsächlich spontane Stegreifrede viel authentischer und gerade deshalb überzeugender, mit allen Ähms und sprachlichen Mängeln. Auch bei vielen Prominenten gibt es ja so irgendeine Eigenart, die man eigentlich als Schwäche definieren könnte, die aber so das Markenzeichen geworden ist. Das, was Imitatoren und Kabarettisten dann nachmachen. Franz Beckenbauer, Boris Becker, Angela Merkel. Früher Helmut Kohl und Edmund Stoiber… Schwächen machen menschlich. Und wie ich schon mal zm Thema Glaubwürdigkeit ausgeführt habe: Menschen vertrauen am ehesten Menschen, die so sind wie sie selbst. Das heißt: je nach Gruppe, vor der Du sprichst, kann duchaus ein Misstrauen gegen geschliffene Wortkaskaden bestehen. Und ein hemdsärmliger, rustikaler Einwurf von der Seite viel überzeugender sein. Und tatsächlich habe ich schon Leute live erlebt, die so viel an ihrer Rhetorik gearbeitet hatten, dass sie regelrechte Sprechroboter waren. Da fehlte selbst mir, obwohl ich geniale Vortragsperformances wirklich feiere, das persönliche. Der Mensch hinter dem Performer.

Und dann ist da noch ein anderer Punkt, der gegen Perfektion spricht: Die psychische Hürde, die sich damit vor Dir auftürmen kann. Wenn Du alles perfekt machen willst, ist die Gefahr zu scheitern viel höher, liegen so viele Dinge vor Dir, es wird so unübersichtlich und Du kannst Dich vielleicht gar nicht motivieren anzufangen. Das gibt´s auch beim Sport. So viele Trainingspläne, die man zum Beispiel zur Vorbereitung auf einen Marathon machen kann. Welcher ist denn jetzt der richtige? Welcher bringt mich zur bestmöglichen Zeit? Und während ich darüber brüte, könnte ich längst laufen. Also verfahre ruhig nach dem KISS-Prinzip. Keep It Simple & Stupid.

Die Liste der rhetorischen Stilmittel bei Wikipedia hat allein beim Buchstaben A 27 Einträge. In der Praxis kommst Du von A bis Z mit maximal 5 bis 7 schon enorm weit. Alliteration, rhetorische Frage, Klimax, Metapher, Anapher… Naja, also maximal 10 sagen wir mal, das reicht dann aber völlig. Und Du brauchst nicht 20 verschiedene Gesten, die Du jeweils perfekt zum gesprochenen Wort getimed hast. Schau Dir mal an wie weit Angela Merkel mit ihrer Raute gekommen ist. Das nenne ich mal Minimalismus! Da wird sogar Herr Pareto neidisch!

Natürlich soll dieses Plädoyer fürs Paretoprinzip nicht dazu führen, dass Du Dir vor einem Vortrag oder auch einem Gespräch zu wenig Gedanken machst. Oder zu früh Deine Vorbereitungen abschließt. Aber oftmals, wenn Du mehr als nur DIE eine Rede oder DAS eine Gespräch vorzubereiten hast, ist es halt auch einfach eine Frage des ökonomischen Umgangs mit der begrenzten Ressource Zeit.

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