Die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation ist das Modell, das man kennt, wenn man schon mal etwas von gewaltfreier Kommunikation gehört hat. Mit meinem damaligen Gast und GFK-Experten Markus Fischer habe ich im Podcast darüber gesprochen, dass für ihn dieses Modell bei weitem nicht gleichzusetzen ist mit der GFK und er selbst nicht zwingend damit arbeitet.

Es ist so ein bisschen wie beim Kochen: Wer gut kochen kann, braucht kein Rezept. Und andere lassen sich eine Kochbox liefern, in der sogar die Zutaten auf das Gramm genau schon vorgewogen sind. Sei es aus Zeitmangel, Bequemlichkeit oder Unvermögen. Und genau so ist es auch mit den vier Schritten der gewaltfreien Kommunikation. Sie sind schneller erlernbar und anwendbar als sich tiefgehend mit der GFK zu befassen.

Übersicht über die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Deshalb hier der Hinweis: Wenn Du Dich tiefer mit der GFK befassen möchtest, ist dieser Artikel zu oberflächlich für Dich. Wenn Du einfach nur eine erste Einführung in die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation haben möchtest, bist Du dagegen hier genau richtig. Zunächst mal der Übersichtlichkeit halber: Was sind denn überhaupt die vier Schritte?

  1. Sag, was Du wahrgenommen hast. Nicht mehr.
  2. Was hast Du bei dem, was Du wahrgenommen hast, gefühlt?
  3. Welches Bedürfnis oder welcher Wert wurde durch dieses Gefühl getriggert?
  4. Was wünschst Du Dir von Deinem Gegenüber oder von Euch beiden?

Das klingt tatsächlich schnell erlernbar und eigentlich nach zweimaligem Lesen umsetzbar, oder? Aber der Teufel steckt wie so oft im Detail. Deshalb gehen wir die vier Schritte der Reihe nach durch.

Sag, was Du wahrgenommen hast. Nicht mehr.

Das klingt total simpel, nicht wahr? Tatsächlich ist es meiner Erfahrung nach oft der schwerste Schritt von allen. Denn es fällt unglaublich schwer, einfach nur wahrzunehmen. Frei von jeglicher Wertung. Unser Gehirn ist dafür da, aus den vielen Daten, die jeden Augenblick über unsere fünf Sinne hereinströmen, blitzschnell die relevanten herauszufiltern – und zu bewerten.

Der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper brachte als Beispiel den Satz „ich trinke ein Glas Wasser“. Das ist nie reine Beobachtung. Denn wir müssen die Theorien über Glas und über Wasser immer mitdenken. Ähnlich ist es mit normativen Wertungen. Ein Lächeln ist selten nur ein Lächeln. Es ist ein sympathisches Lächeln, ein mitleidiges Lächeln, ein süffisantes Lächeln, ein erotisches Lächeln, ein zufriedenes Lächeln. Aber einfach nur ein Lächeln nehmen wir sehr selten wahr.

Deshalb bedarf es einiger Übung um diesen ersten Schritt zu bewältigen und sich, bzw. die eigene Wertung aus einer Situation herauszunehmen und wirklich nur zu beschreiben, was man sinnlich konkret wahrgenommen hat. Nicht „Du hast eine abwertende Handbewegung gemacht“, sondern „Du hast mit Deiner Hand so gestikuliert als würdest Du eine Fliege verscheuchen.“ Wenn das gelingt, dann können wir übergehen zum nächsten Schritt.

Was hast Du bei dem, was Du wahrgenommen hast, gefühlt?

Statt einer Wertung befassen wir uns danach mit den eigenen Gefühlen, die das Gesagte oder Getane bei Dir ausgelöst hat. Aber Vorsicht! Wichtig ist dabei, zwischen primären und sekundären Gefühlen zu unterscheiden. Wir können nämlich auch Gefühle über unsere Gefühle haben. Wenn wir uns z.B. schämen, dass wir zornig geworden sind. Oder wütend werden, weil wir Scham empfunden haben.

Deshalb ist es sehr wichtig, sich bewusst zu machen, was zuerst da war. Denn Dein Gegenüber kann nichts dafür, wenn Du Dich schämst, weil Du zornig geworden bist. Sondern maximal dafür, dass Du zornig geworden bist. Wenn überhaupt. Nun konzentrieren wir uns also auf das Primärgefühl. Und in einer intimen Paarbeziehung ist das meist auch problemlos möglich, darüber zu reden.

Im Businesskontext sieht das schon wieder anders aus. In einer idealen Welt würden wir auch da mehr über Emotionen sprechen und uns eingestehen, dass vieles, was wir tun, gar nicht so rational ist wie wir gerne vorgeben. Aber in der realen Welt ist es leider immer noch unüblich außerhalb der Familie und ähnlich engen Beziehungen über Gefühle zu sprechen. Deshalb kann es sinnvoll sein, diesen Schritt nur für sich selbst, im inneren Gespräch sozusagen zu vollziehen, und im Außen gleich mit dem dritten Schritt weiterzumachen.

Welches Bedürfnis oder welcher Wert wurde durch dieses Gefühl getriggert?

Nun sind wir bei den Werten angelangt. Du möchtest Respekt. Anerkennung. Oder Wertschätzung. Oder was auch sonst. Die Liste an möglichen Werten, die wir Menschen leben können, ist lang. Harmonie, Spaß, religiöse Überzeugungen. All das sind auch Werte. Ich arbeite in Training & Coaching sehr gerne mit den „Coaching Cards“, weshalb ich Dir hier auch gerne deren Liste an Werten verlinke. Und wenn Du Dir und danach auch dem/der Anderen bewusst machst, welcher Deiner Werte verletzt oder nicht ausreichend beachtet wurde, ist das für beide Seiten wichtig für das Verständnis, was genau eigentlich nicht passt. Und ausgehend davon ist es dann nicht mehr weit zu Schritt Nummer 4.

Was wünschst Du Dir von Deinem Gegenüber oder von Euch beiden?

Statt Kritik formulierst Du nun Deinen Wunsch oder Deine Bitte an Dein Gegenüber. Oder auch an Euch beide. „Lass uns doch bitte daher (Schritt 1-3) auf das ständige Aufrechnen oller Kamellen verzichten und lieber darüber sprechen wie es zukünftig weitergehen soll.“ Oder „ich möchte Dich daher bitten zukünftig auf solche wegscheuchenden Handbewegungen zu verzichten.“

Hier in Schritt 4 knüpfen wir wieder an Schritt 1 an und sind bei unserer Bitte so konkret wie möglich. „Deswegen reiß Dich jetzt bitte zusammen“ ist meist nicht sehr hilfreich. Mach es der anderen Person so einfach wie möglich, Deiner Bitte zu entsprechen. Was nicht heißt, dass sie es auch tut. Aber die Wahrscheinlichkeit steigt damit natürlich.

Wie kannst Du die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation nun optimal nutzen?

Das war es auch schon. So „einfach“ sind die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation. Und zugleich liegt gerade darin die Gefahr, es zu einfach anzugehen. Jeder dieser Schritte erfordert Übung und Reflexion. Wenn Du das beachtest, kann Dir dieses „Rezept“ aber dabei helfen, bessere und vor allem konstruktivere Gespräche zu führen. Eine sehr stark vereinfachte Variante findest Du übrigens im Artikel zum Thema Feedback.

Hi. Mein Name ist Oliver Walter. Ich bin Rhetoriktrainer & Coach. Hier blogge ich über mein Lieblingsthema: Rhetorik & Kommunikation. Wenn ich Dir mit meiner Fachmeinung oder meinem Knowhow weiterhelfen kann, lass es mich gerne wissen. 

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